Das 21st Century Orchestra bringt die Musik des Computerspiel-Kosmos ins KKL. Monumental ist sie oft. Berührend wird sie, wenn sie leiser denkt.
Wer eine Handlung sucht, ist schneller verloren als ein Nicht-Gamer in Azeroth. Auf der Leinwand stapfen Orks, Monster und Skelette durchs Bild, Drachen kreisen, Skurriles zieht vorbei, aber niemand erzählt eine Geschichte. Darin unterscheidet sich «World of Warcraft: 20 Years of Music» von den üblichen Filmabenden des 21st Century Orchestra: Bild und Musik bauen Räume und Stimmungen, keine Story.
Millionen ziehen durch Azeroth
Am Freitagabend ist der KKL-Konzertsaal luftig besetzt. Zu wenig Luzerner Fans? «World of Warcraft», kurz WoW, ist ein 2004 gestartetes Online-Rollenspiel, in dem die Gamer als selbst erfundene Figuren durch die Fantasywelt Azeroth ziehen, Aufgaben lösen und Monster bekämpfen. 2010 erreicht WoW mit mehr als zwölf Millionen Abonnierenden seinen Höhepunkt. Aktuelle Zahlen werden nicht mehr veröffentlicht. Tot ist die Chose nicht: Im März 2026 erschien mit «Midnight» die jüngste Erweiterung.
Das Konzert stoppt bei «Dragonflight» von 2022 und blättert davor durch zwei Jahrzehnte Spielgeschichte. Die Musik, zwischen Strawinsky und Hollywood, stammt von einem Komponistenkosmos um Jason Hayes, Russell Brower, Glenn Stafford und Neal Acree. Gemeinsam ist den Partituren der Hang zur grossen Geste: gefühlt 80 Prozent Moll, viel Fortissimo, breite Unisono-Linien, Chor, Blech und Schlagwerk mit reichlich Auftrag. Dazu kommt die Zuneigung zu ungeraden Takten, die in gerade kippen und den Klangkörper perfekt getimt aus dem Gleichschritt bringen.
Diese Musik bläst sich selbst auf
Ludwig Wicki hat zwei Stunden lang reichlich zu hantieren. Der Gründer und musikalische Leiter des 21st Century Orchestra hält die Schichtungen zusammen, ohne sie aufzublasen, was klug ist, denn dies kann diese Musik hervorragend selbst. Der 21st Century Chorus singt souverän durch Pseudo-Latein und Kunstsprachen des Warcraft-Universums. Die Silben funktionieren weniger als Text, denn als Klangfarbe.
Der Reiz liegt in den Stilwechseln. «Wrath of the Lich King» zeichnet dunkel die Tragik des gefallenen Prinzen Arthas. «Cataclysm» zerlegt die Welt mit Schlagwerk und Blech. In «Mists of Pandaria» ändert sich die Luft: Die chinesische Erhu, eine Streichlaute, zieht eine helle, beinahe menschliche Linie durchs Orchester. «Warlords of Draenor» und «Legion» werden wieder martialischer, «Shadowlands» schwebt mit Glockenklängen Richtung Jenseits, «Dragonflight» spannt die grossen Flügel aus.
Der rote Faden bleibt: Diese Musik charakterisiert nicht Handlungen, sondern Figuren und Orte. Ein Skelett bekommt keine psychologische Studie, sondern tiefe Streicher, ein Drache keine Biografie, sondern Blech. Das ist plakativ, manchmal überfüttert, aber handwerklich enorm wirksam. Und wenn nach zwei Stunden zum x-ten Mal das Tutti im Fortissimo aufmarschiert, wünscht man sich auch in Azeroth einmal eine akustische Seitenstrasse.
Nach Luzern auf Welttournee
Hinter dem Konzept steht die Schweizer Produktionsfirma Helvepic, die «World of Warcraft» mit Hersteller Blizzard entwickelte. Helvepic brachte es 2024 in Lausanne zur Premiere. Im Mai 2026 startete in Paris und Lyon eine globale Tournee. Nach Luzern folgen London, Birmingham, Singapur und Kaohsiung.
Für die Zugabe «Invincible» wechselt das Personal: Helvepic-Gründer Alexandre Pican übernimmt den Taktstock, Mitinitiatorin und Sängerin Julia Handschin das Mikrofon. Das Lied um Arthas und sein Pferd mischt Warcraft-Kunstsprache mit einer Ohrwurm-Melodie. Plötzlich wird aus all den Schlachten, Portalen und Drachen etwas erstaunlich Intimes. Man muss WoW nicht kennen, um sich darin richtig wohlzufühlen. So findet selbst ein Nicht-Gamer ziemlich mühelos nach Azeroth.
© Andréas Härry





















































































