21st Century Orchestra
Die Musik zu «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel»: Da kann Hollywood einpacken
Medienbericht / 11. Dezember 2021Luzerner Zeitung

Die Musik zu «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel»: Da kann Hollywood einpacken

Das 21st Century Orchestra spielt im KKL die Musik zu «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel». Da werden Erinnerungen wach an einen Film, der schon für mehrere Generationen Kultstatus hat.

Sofort ist sie da, die Stimmung. Die ersten Glöcklein, der Ohrwurm in den Flöten – es dauert keine zehn Sekunden, und man ist mittendrin im Klassiker. Alle Jahre wieder ist der Film «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» zur Weihnachtszeit der Dauerbrenner. Kitschig genug, um Herzen zu bewegen. Aber auch mit Charme und Stil, um gehobenere Ansprüche zu kitzeln. Am Montag ist es das 21st Century Orchestra unter Ludwig Wicki, das im KKL so den Festtagsreigen eröffnet. Zwei der vier Vorführungen sind bereits ausverkauft.

Doch warum ist «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» nicht einfach eine kitschige Randerscheinung, ein weiterer Tortenklecks im vielfältigen Zirkus der Unterhaltungsindustrie? Für Kati (50)aus Schübelbach ist der Film «einfach Kult». Ruth (60) ist extra aus Einsiedeln angereist: «Für mich ist der Film einfach schön. Und im KKL mit grosser Leinwand und mit Musik vom Orchester ist es noch eine Stufe eindrücklicher.» Beide sind mit ihren Kindern bzw. Enkelkindern am Konzert. Die Musik bringt wirklich einen Ohrwurm nach dem anderen. Oder besser gesagt, den immer gleichen Schmeichler und seine Variationen. Die Melodien des Komponisten Karel Svoboda haben ganze Kindergenerationen begleitet. «Wickie und die starken Männer», Nils Holgersson» oder «Die Biene Maya» sind kollektives Erinnerungsgut. Und eben auch das «Aschenbrödel».

Karel Gott wurde einfach aus dem Film gekippt

In der Ur-Fassung des Filmes war die Stimme des vor zwei Jahren verstorbenen Schlagersängers Karel Gott zu hören. Dies sei so, als ob man eine schöne Torte gleichzeitig mit Buttercrème und Sahne übergiesse und aus dem Kunstwerk ein Kitschgebilde mache, ärgerte sich der deutsche Produzent Gert K. Müntefering damals. Ohne den Regisseur zu fragen, liess er die Musik abändern. Karel Svoboda und Karel Gott waren darüber sehr enttäuscht. Glaubten sie doch, mindestens eine goldene Schallplatte verpasst zu haben.

21st Century Orchestra spielt am Montag gewohnt souverän. Die Übergewichtung der Musik gegenüber den Filmgeräuschen gibt dem Film eine sinfonische Grösse. Die überraschend dramatischen Klänge, etwa wenn der Bursche seine Schüsseln fallen lässt, oder der erste Einritt des Königs, erhalten live eine ganz neue Dramatik. Ausgezeichnet treffen die Musiker den leichten, zeitlosen Geist der Melodien. Schade wird mit der Zeit die teils etwas lärmige Tonspur des Filmes lauter gestellt. Spannend wäre es auch, den Film mal im gesungenen Original, im waschechten Schlagerstil, zu hören. Laut Markus Müller, Pressebetreuer des Orchestras, überlegt man es sich durchaus, die dies einmal konzertant zu machen. Selber Sänger, hat er sich schon überlegt, den Hauptsong «Wo kleiner Vogel, ist dein Nest» aufzunehmen.

Am einen Ort Kunstschnee, am anderen Ort Matsch

Ein weiteres Steinchen zum Kultstatus ist der Winterzauber, echt und vorgegaukelt. Eigentlich hätte «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» im Sommer gedreht werden sollen; in Tschechien und in Sachsen beim schmucken Schloss Moritzburg. Bis heute ist die Treppe, wo Aschenbrödel ihren Schuh verlor, ein Ort für besonders romantische Heiratsanträge. Als man dann für den Winter plante, fiel im Drehjahr 1972/73 in Sachsen keine einzige Flocke Schnee. Es wurden deshalb alle Bäume mit Kunstschnee beklebt und die Felder besprüht. In Tschechien hatte man genau das gegenteilige Problem. Berge von Schnee, und später der Matsch, machten das Drehen fast unmöglich. Doch die Verfolgungsjagden im tiefen Weiss sind bis heute entscheidend für die Zauberhaftigkeit des Filmes.

Aschelbrödel als Prototyp eines Mobbingopfers

Oder ist es die packende Mobbinggeschichte? Die geplagte Magd, welche am Schluss triumphiert? Die im Juni verstorbene Schauspielerin Libuše Šafránková berührt als emotionale und neckische Titelfigur auch im KKL die Zuschauerherzen. Das Gleiche gilt für den Prinzen, den heute noch als Schauspieler aktiven Pavel Travnicek. Interessantes Detail: Da er einen ausgeprägten mährischen Akzent hatte, wurde der Deutschsprechende in Aschenbrödel sowohl in der deutschen als auch der tschechischen Fassung synchronisiert.

Als die letzten Töne verklingen und die zwei Turteltauben mit ihren Pferden hinter dem verschneiten Hügel verschwinden, hat im KKL, wo sonst eher bombastische Epen die Filmabende füllen, für einmal das Understatement gesiegt. Hollywoods überbordende Cinderella-Verfilmungen können bis heute nicht mithalten mit «unserem Aschenbrödel».

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