Standing Ovations für Emil und das 21st Century Orchestra: Das Publikum feierte zum Saisonauftakt im KKL auch die neue Normalität mit Zertifikatspflicht. Diese hat aber eine Kehrseite: Auch für die zweite Ausführung von heute Freitag gibt es viele freie Karten.
Urs Mattenberger
So also sieht die neue Normalität aus? Als das 21st Century Orchestra am Donnerstag mit Emil Steinberger die Saison im KKL eröffnet, scheint die Welt in Ordnung. Trotz Zertifikatspflicht bilden sich vor dem KKL keine Schlangen. Drinnen sind Besucher, die eine Maske tragen – was mit Zertifikat nicht erforderlich ist –, praktisch an einer Hand abzuzählen. Sogar der Barbetrieb in der Pause läuft ab wie einst. Und mit Pause und Zugaben dauert das Konzert über zweieinhalb Stunden. Auch das hat man anderthalb Jahre nicht mehr erlebt. Vor allem aber: Den Konzertbesuchern ist pudelwohl. Wer sich umhört, stellt rasch fest: Hier trifft man lauter Geimpfte, denen die Zertifikatspflicht nicht lästig ist. Im Gegenteil. Sie gebe mehr Sicherheit als die meist nachlässig getragenen Masken, meint einer und hält den Daumen hoch. Während in der öffentlichen Debatte um Coronamassnahmen Impfgegner sehr präsent sind, kommt hier die schweigende Mehrheit zu Wort: «Schliesslich sind wir inzwischen die Mehrheit», sagt ein Geimpfter selbstbewusst.
Die Kehrseite der neuen Normalität
Die Kehrseite dieser neuen Normalität ist, dass viele Nichtgeimpfte wohl lieber zu Hause bleiben, als sich für einen Konzertbesuch einem Test zu unterziehen. Darauf weisen die vielen freien Plätze hin, auch für das zweite Konzert von heute Freitag sind noch viele Tickets verfügbar. Und das, obwohl das 21st Century Orchestra unter Ludwig Wicki mit einem Topsolisten auftritt.
Das macht der herzliche Applaus klar, als Emil zu Beginn als Hauswart auf die Bühne schlurft. Mit seiner «wichtigen Mitteilung» knüpft auch er mit einem Emil-Klassiker bei Corona an. Das Durcheinander in der Garderobennummer wird dadurch ins Unermessliche gesteigert, dass «geimpfte» und «Quarantäne-Mäntel» durcheinander geraten sind.
Damit sind Lacher und gute Laune lanciert. Wicki heizt sie sogleich an mit zwei James-Bond-Titeln,
die einmal mit schmissigen Bläsersounds (das Bond-Thema aus «Dr. No»), einmal mit wohligen Streichern («Goldfinger») die hohen Qualitäten des Orchesters von verschiedenen Seiten zeigen. Daraus entspinnt sich ein Pingpong zwischen dem Geschichtenerzähler sowie den Filmmusiken des Orchesters, bei dem beide Seiten Stichworte für die andere liefern.
Nostalgie mit Komik und Aktualität
Rasant in Fahrt kommt das, wo Emil eine Bond-Jagd mit Ursula Andress durch Luzern fantasiert. Nostalgie mit Komik verbindet die Anekdote, in der er auf seine Kleintheater-Zeit zurückblickt und sich nächtelang mit dem Stargast Gert Fröbe umherschlagen musste. Wie aktiv und beweglich Emil auch mit 88 Jahren ist, zeigte nicht nur sein Auftreten, bei dem er immer nahtloser mit seiner Emil-Figur eins wurde. Das zeigen auch ältere Sketches und neue Texte, mit denen er auf Aktuelles Bezug nimmt. So nimmt Emil den Digitalisierungswahn mit einer «Männer-App» aufs Korn, mit der man sich seine Traumfrau lippennah heranzoomen kann. Küsst man sie, beginnt das Handy zu vibrieren – und das Orchester trug dieses Herzflattern nahtlos hinein in den Flug durch Steven Spielbergs «E.T.».
So wurden Musik und Anekdoten bei aller Abwechslung eng verflochten. Auch da, wo Emil, jetzt wieder als Hauswart, die Hornisten in die Fasnacht-Probe oder die Holzbläser in die Botox-Behandlung schickte, bis nur noch eine Handvoll Musiker auf der Bühne zurückblieb. Wie sie den kristallklar und klangvoll agierenden 21st Century Chor in «The Alamo» begleiteten, war vor der Pause der intime Höhepunkt eines Konzerts, das ohnehin stark familiäre Züge trug.


















































































