LUZERNER THEATER Innovatives Opernexperiment zum Saisonstart? «Das Amt für Todesangelegenheiten» war nicht die angekündigte Slapstick-Oper ohne Text. Aber sie punktet mit tollen Darstellern und einem stilwendigen 21st Century Orchestra.
Neue Formate im Theater suchen die Nähe zu den Zuschauern. Und solidarisieren sich mit ihnen auch mal gegen das Theater. So konnte man die Ausgangslage für die Opernpremiere interpretieren, mit der das Luzerner Theater am Freitag seine Spielzeit eröffnete: eine Oper für Opernmuffel!
Klaus von Heydenabers «Im Amt für Todesangelegenheiten» wurde angekündigt als «Oper ohne Text», den man in Opern ohnehin nicht versteht. Der Tod als Thema wirkt zwar düster. Aber die Handlung, wonach Menschen, die vom Amt dem Tod überstellt werden, wegen einer Computerpanne zurück ins Leben kommen, versprach absurden Humor, gar eine «Slapstick-Oper».
Und musikalisch bietet Heydenabers Partitur mit Stilanleihen von Bach bis zum Jazz ohnehin für jeden Geschmack etwas. Und dass das 21st Century Orchestra für diese Theaterproduktion engagiert wurde, gab der Produktion einen zusätzlichen Reiz. Nichts wie hin also!
Big Brothers gegen bunte U-Bahn-Piazza
Die Erwartungen werden schon mal erfüllt durch die Bühne von Márton Ágh. Im Obergeschoss hantiert der Theaterchor im Amt für Todesangelegenheiten hinter Glas und an Computern, die Geschosszahlen der Lifte flimmern ins Unendliche. Bombenalarme und der Funkenregen nach Kurzschlüssen lassen erahnen, dass diese Big Brothers ihr Geschäft nicht im Griff haben, da mag die Musik mit ihrem jazzig-klassizistischen Drive noch so flott loslegen.
Der Gegensatz zur Unterwelt gibt dem Abend ein Spannungsmoment. Unten nämlich, auf der schmuddeligen Piazza einer U-Bahn-Station, kreuzt sich das bunte Leben zwischen Kiosk, Fotoautomat und U-Bahn-Klo. Der Reihe nach eröffnen kauzige Individuen ihre Stände oder schlurfen aus verborgenen Gängen und Winkeln hervor. Nachdem der Bürokratenchor des Todesamtes noch spürbar bemüht war, Text zu vermeiden, wird in der U-Bahn ganz normal gesungen wie in der Oper – aber ohne Übertitel, so dass man noch weniger versteht.
Gianna Lunnardi trauert der «Amore» mit einer Belcanto-Arie nach. Die Operndiva Diana Schnürpel begehrt als Toilettendame mit Koloraturen auf, die Spitze sind. Eine Filmcrew um einen erfolglosen Regisseur (Christian Bau) und schauspielerischen Gelegenheitsjobber (Vuayni Mline) versucht den Durchbruch mit einem Feuerwehrspot. Mit anderen Geschichten vom Scheitern des Lebensglücks geben sie Anlass für einige Situationskomik, auch wenn es selten zum Slapstik reicht.
21st Orchestra in allen Stilen rasch auf 100
Das alles verdichtet sich bis in Nebenerzählungen der Statisten hinein zu einem anspielungsreichen Erzählstrom, den Heydenabers zitathafte Musik mit Stilbrüchen und -überlagerungen vorantreibt. Die grösste Überraschung ist dabei die Umsetzung der Partitur durch das 21st Century Orchestra unter der Leitung von William Kelley. Die Aufführung profitiert davon, dass das Orchester von der Filmmusik her gewohnt ist, in raschen Schnitten aus dem Stand heraus auf 100 zu kommen, wie es ein Mitglied einmal formulierte. Darüber hinaus gelingen ihm Perlen in allen Stilbereichen: mit knackigem Gershwin-Drive, als Jazz-Combo über einer pulsierenden Basslinie oder mit kammermusikalischem Streicherschmelz, der dem Flohmarkt der Gefühle eine nostalgische Note gibt. Von der Sogkraft der Musik bleibt das Geschehen auf der Bühne leider weitgehend abgekoppelt. Regisseur Viktor Bodó nutzt die Polarität von Todesamt-Bürokraten und streunenden Clochards kaum für dramatische Spannung. Spürbar wird sie nur in der Figur des Junkie, der sich als eine Art Todesschatten unter die Leute mischt und sie mit der Kamera schiesst (unheimlich stark: Lukas Darnstädt). Aber selbst als endlich ein Budentor herunterfährt und wie eine Guillotine das erste Opfer fordert, wirkt das bloss wie eine Panne und nicht wie der Anfang vom Verderben, das mit weiteren Opfern seinen Lauf nimmt.
Wimmelbuch ohne Zugkraft
Im zweiten Teil, wo die aufgebahrten Toten folgenlos wieder lebendig werden, scheut sich die Regie nicht, absurde Komik auch mal wirklich zum Slapstick zuspitzen. Aber Zugkraft ergibt sich auch daraus nicht. Und so droht der Abend mit seiner Wimmelbuch-Dramaturgie selbst im zweiten Teil durchzuhängen.
Wie eine Rettung von oben kommt da die Rede des zum Conférencier herausgeputzten Junkie, der uns im letzten Moment die ganze Spielanlage mit einer Ironie erläutert, die dem Stück wie den Zuschauern einen Kick gibt. Spätestens da ist das keine Oper ohne Text mehr, sondern wird umgekehrt der Text ein Herzstück des ganzen Abends. Wenigstens dafür wie auch für die Leistungen der Sänger und des Orchesters gilt: nichts wie hin.


















































































