21st Century Orchestra
21st Century Orchestra führte auch ohne Film nach Mittelerde
Medienbericht / 15. Juni 2024Luzerner Zeitung

21st Century Orchestra führte auch ohne Film nach Mittelerde

Gleich mit fünf Aufführungen von Howard Shores «Lord of the Rings Symphony» feierte das Orchester am Wochenende sein Jubiläum.

Die Klage der Veranstalter, dass sich das Publikum seit der Coronapandemie nicht mehr frühzeitig festlegt und dadurch die Vorverkäufe stockender verlaufen, ist in diesem Fall nirgends zu hören. Die ersten von fünf Aufführungen waren schnell ausverkauft, nur noch für den Sonntagnachmittag gab es mit Stand Freitagabend noch Tickets. Das 21st Century Orchestra feierte am Wochenende im KKL sein 25-Jahr-Jubiläum mit der «Lord of the Rings Symphony» von Howard Shore. Das Werk fasst das thematische Material der Fantasy-Trilogie in sechs Sätzen zusammen, wurde in Luzern erstmals 2007 aufgeführt und markierte den Beginn der Vorführungen mit Live-Musik. Zwischen 2001 und 2003 erschienen, sind die Filme weniger alt als das «beste Filmmusikorchester der Welt», wie Ständerat Damian Müller das 21st Century Orchestra in seiner Festrede nannte. Er und der ehemalige SRF-Moderator Stephan Klapproth (mit einem schnitzelbankartigen Vortrag, gespickt mit Filmtiteln aus den 1950er-Jahren bis heute) läuteten den Konzertmarathon ein. Zusammen mit dem 2007 eigens für die Aufführung der Shore-Sinfonie gegründeten 21st Century Chorus und Kindern der Luzerner Kantorei standen an diesem Abend über 200 Musiker unter der Leitung von Dirigent Ludwig Wicki auf der Bühne. Immerhin noch 16 davon waren Teil der Gründungsbesetzung von 1999.

Der Bezug zur Saga macht Musik greifbar und «real»
Musik wird durch Menschen kreiert. Was vorderhand offensichtlich erscheint, muss man sich manchmal wieder aktiv in Erinnerung rufen. Komponisten wie Interpreten sind vom Zeitgeschehen beeinflusst. Viele Werke, die uns bewegen, haben einen aussermusikalischen Kontext. So wirkt die scherzhafte Behauptung meiner Begleitung, der Musik lägen historische Ereignisse zugrunde, gar nicht so weit hergeholt. In den längeren ersten zwei Sätzen werden alle Themen vorgestellt. Da ist das Auenland der Hobbits mit verspielten Melodien, folkloristisch angehaucht mit Violinsolo (Ulrich Poschner) und Panflöte, da sind die stampfenden Uruk-Hai-Orks, die stolzen Elben mit viel Stimm- (Sopran: Kaitlyn Lusk) und Choreinsatz, der verführerische Ring, der im Ringthema zu seinem Träger flüstert. Ein Luxus der Sinfonie: Ohne Klicktrack ist Wicki freier in der musikalischen Gestaltung.

Fans sehen wohl die jeweilige Szene vor sich. Doch auch ohne liessen sich die grossen Themen – Idylle, Heldenreise, korrumpiertes Böses, Gemeinschaft, unsterbliche Liebe und verlustreicher Triumph – der Saga aus der Musik heraushören, so plastisch ist sie geschrieben. Shore verwebt thematisches Material passend zum Inhalt der Geschichte, wie es anlässlich der Schlacht von Helms Klamm der Fall ist. Heroische Kämpfer von Rohan und die Verstärkung der Elben im Bolero-Rhythmus treffen hier auf die übermächtige Armee der Orks mit unnachgiebigen, perkussiven Schlägen. Die Rettung durch den Zauberer Gandalf involviert die Musiker in epochalem Tutti.

Musik wie in einem Klassikkonzert
In den hinteren Sätzen, der Musik zu den späteren Filmen, wendet Shore vermehrt modernere Kompositionstechniken und Klänge an. Wüsste man nicht, dass hier Hobbits, Menschen, Elben und Orks aufeinandertreffen, wäre die emotionale Verbindung zur Geschichte nicht so stark, könnte man diese Art der Musik auch in einem klassischen Konzert erwarten. Kleinteilig aufgeteilte Stimmen, rhythmische und metrische Verstückelung, Dissonanzen: eine Welt am Rande des Kollapses. Nur Frodo kann sie retten; er schafft es. Dann die Rückkehr, der Aufbruch des Helden in die Welt der Elben jenseits des Ozeans. Abspannmusik – und niemand steht auf. Dann plötzlich alle, es gibt minutenlangen, ohrenbetäubenden Applaus, mit begeisterten Pfiffen und Rufen. Man feiert hier ein Vierteljahrhundert Filmmusikgeschichte, geschrieben in Luzern.

© Diana Sonja Tobler

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