21st Century Orchestra
Edelkitsch zu Kunst gemacht
Medienbericht / 7. Februar 2022Luzerner Zeitung

Edelkitsch zu Kunst gemacht

Das 21st Century Orchestra konzertierte im KKL mit der Musik zum Kinoknüller «Sissi». Und plötzlich wurden die Töne wichtiger als die Bilder.

Wetten, dass die meisten Besucherinnen und Besucher, die zum Konzert von Dirigent Ludwig Wicki und seinem 21st Century Orchestra ins KKL kamen, den Kinoknüller «Sissi» mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm schon oft gesehen haben. Und dass mancheine glückselige Tränen trotzdem kaum verdrückt werden konnte. «Sissi» bleibt «Sissi», da konnte sich die Luzernerin Dominique Devenport in der kürzlich gezeigten RTL-Serie noch so um eine realistischere «Sisi» bemühen.

Dennoch war am Samstagabend – im KKL-Saal statt im Pantoffelkino – etwas grundlegend anders. Gleich zu Beginn, als die erste Violine den «Wiener Schmäh» virtuos darbot, schweiften die Blicke ab von der Leinwand. Hin zum gefühlvoll und fast hautnah aufspielenden Orchester. Einmal mehr gestaltete Ludwig Wicki einen Film mit grosser Leidenschaft fürs von ihm geprägte «Originalfilm mit Live-Orchester»-Genre. Beim polternd zechenden und kegelnden Herzog Max von Bayern volkstümlich. Bei der kaiserlichen Hochzeit bombastisch mit dominanten Tönen und echter Orgel hinter der Leinwand.

Klatschhände kaum mehr zu bändigen
Filmmusik, die man im Kino oft als schöne Nebensache mitnimmt, trat plötzlich in den Vordergrund. Man hörte und sah Sissis Zither zweifach: auf der Leinwand und im Orchester. Possenhafte Auftritte des Gendarmerie Majors Böckl wurden zum Schmaus für augenzwinkernde Bläser und Schlagzeuger. Als Marschall Radetzky einmarschierte, waren die Klatschhände kaum mehr zu bändigen. Zur Freude des begeisterten Publikums liess Ludwig Wicki am Ende – mit dem «Radetzkymarsch» als obligate Dreingabe – doch noch im Rhythmus klatschen. Beherrscht da einer, dank eines ausgezeichneten Live-Orchesters, die Kunst, aus Edelkitsch so etwas wie eine neue Kunstgattung zu machen?

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