Disney bedeutet für viele Erinnerungen und Nostalgie. Doch das 21st Century Orchestra putzt die Musik durch. Und macht daraus ein Geburtstagsfest mit Power und viel Rock.
Was soll uns heute noch verbinden? Wo sind die Gegenpole zu dieser individualisierten, immer stärker sezierten Welt? Früher war es klar. Die «Tagesschau», das Lauberhornrennen, «Wetten dass …? », der Sommerspielfilm um 20.15 Uhr. Die Schweiz war verbunden. Von Jung bis Alt und zumindest medial. Was am Abend im Fernsehen lief, diente am folgenden Tag oft als Pausengespräch. Es war ein Zeitalter vor Netflix, Youtube, Amazon Prime oder Paramount Plus. Fernsehabende als Familienanlässe. Gemeinsame Momente, im Kompromiss vereint.
Gegen die Kultur des Einzelnen
Und heute? Ich kenne eine Familie, wo die Jüngste «Türkisch für Anfänger» schaut, die Ältere «Wednesday» streamt, während die Eltern gleichzeitig «The Crown» verschlingen. Alle in ihren Zimmern. Das Tablet, das Handy und den Fernseher vor Augen. Und sie sind definitiv nicht die Ausnahme. Doch es gibt sie noch, diese Filme, welche die Welt vereinen. Dazu reicht am Donnerstagabend beim Konzert des 21st Century Orchestra ein Blick in den Zuschauersaal des KKL. Eine bunte Menge vom Kindergartenkind bis hin zu den obersten Altersklassen. Disney steht auf dem Programm. Sein 100-Jahr-Jubiläum. Andere Marken mögen zwar bekannter sein. Doch kaum jemand wird Coca-Cola oder Microsoft eine generationenübergreifende Bindungskraft attestieren.
Disney hingegen ist quasi der Mutterbegriff unserer Nostalgiekultur. Filme, die uns als Knirpse prägten. Gezeichnete Wunderwelten, die heute unsere Kinder begleiten. «Das Dschungelbuch», «Der König der Löwen», «Strolch und Struppi». Bei mir war es «Robin Hood». Sechs Kerzen brannten auf meiner Torte. Mein erster Kinofilm, ein Geschenk der Grossmutter. Heute wiederholt sich die Geschichte. Meine älteste Tochter führte ich mit «Die Eiskönigin» in den Zauber der grossen Leinwände ein. Die Jüngere schwärmt für «Die Schöne und das Biest».
Nur wenige Filme sind so zeitlos. Zeitlos schön, aber gerade deshalb auch bedrohlich langweilig. Dazu 100 Jahre Disney. Mit dem Titel «The Sound of Magic»? Das tönt ja schon nach pausenlosem Bombast und einer übergrossen Ladung Zuckerguss. Die bunte Pausenleinwand im KKL lässt Schlimmstes erwarten. «Teilen Sie die schönsten Momente dieses Konzertes auf den Social-Media-Plattformen.» Droht ein Abend, bei dem die ständig flimmernden Handys das Zentrum bilden? Alle im Konzert vereint, und doch nicht da?
Um es gleich vorwegzunehmen. Die Endgeräte blieben in den Taschen. Und die Nacht wurde wirklich magisch. Im besten Sinne. Zucker und Marshmallows – die gab es natürlich auch. Aber wie! Da wurde gerockt, getanzt und gefeiert. Das Arrangement «Jungle Dance Party» bringt einen wilden Mix von «Dschungelbuch», «Aladdin» und «Der König der Löwen». Wie ein DJ führt der Dirigent Ludwig Wicki sein Orchester durch die stampfende Musik. Ein brodelnder Vulkan. Magma, das immer mehr nach oben drängt. Chaotisch, anarchistisch, explosiv und – vor allem – überraschend. Tosend entlädt sich der Applaus des Publikums. Fast wähnt man sich an einem Rockkonzert.
Warum nicht mit Live-Chor?
Oder das düstere «Villains Own the Night»: Eine Suite, in der die filmischen Bösewichte ganz im Zentrum stehen. Düstere Musik von «Schneewittchen» über «Fantasia» bis hin zu «Der Glöckner von Notre-Dame». Hexen, Dämonen und Zauberer. Ein gespannter Todespfeil. Hin zu den dröhnenden Trommeln. Immer schneidender werden die Gesänge. Kalte Eisen, die sich direkt in der Zuschauer Herzen bohren. Schade, erklingen die Stimmen nur ab der Tonspur. Der Abend wäre für den hauseigenen 21st Century Chorus ein Leckerbissen gewesen. Hier wird eine Chance verschenkt. Ob «Let It Go» aus der «Eisprinzessin» oder «Probier’s mal mit Gemütlichkeit» (Dschungelbuch) – alle Stimmen erklingen ab Band in der Originalversion. Mit zwei bis drei tollen Live-Sängerinnen hätte der Abend zusätzlich gewonnen. Und wäre endgültig in die Kategorie «Livekonzert» aufgestiegen.
So bleibt es ein hybrides Erlebnis. An den Musikern liegt es nicht. Sie geben Vollgas. Zwar mag das 21st Century Orchestra nicht die elegante Sinfonik von klassischen Ensembles pflegen. Doch in Sachen Kraft, Rock und Authentizität haben sie wenig Konkurrenz. Die Waldhörner, die im Song «Almost There» aus dem Film «Küss den Frosch» ihren ganzen Saft in die hohen Noten legen. Oder die Streicher, welche in der «Classic Princess Suite» grandios vibrierende Linien ziehen. Das lässt niemanden kalt. Aber der Abend ist auch ein Erfolg, weil die Disney-Macher nicht einfach die Filme abspulen. Die teils raffinierten Arrangements, der zusätzliche Rock in den Noten, die packende Überlappung von mehreren Stücken machen den Abend auch als Konzert zum Erlebnis. Sicher, im filmischen Bereich wird immer noch gerne zu viel hineingepackt. Das schnelle Hüpfen zwischen den Filmen, die sich jedes Mal steigernde Dramatik am Schluss der Kompositionen. All das hat mit der Zeit etwas Ermüdendes. Aber dann ist der Abend auch schon zu Ende. Glücklich, wer ihn erleben durfte.


















































































