Radio Pilatus Music Night mit Bligg: Ein «gereifter» Rapper, das 21st Century Orchestra und ein originelles Bühnenkonzept begeistern.
Konzert-Finale: Der KKL-Saal steht. Hexenkesselstimmung. «Me hät en oder nöd» – oder eben Bligg-mässig «Manhattan oder nöd» – singt er in seiner Hitnummer, garniert mit der Botschaft: «Mach’s mit Style.» Ein Satz, der den Abend auf den Punkt bringt. Bligg, der einstige Rebell, der singende Rapper, der 2010 noch mit «Du bruchsch kei Fachwüsse, alles, was du muesch sii, isch es Arschloch» gegen die Chefetagen des Landes austeilte, präsentiert an dieser Radio Pilatus Music Night ein mitreissendes, stilvolles Konzert. Ein Grossprojekt, das der Lokalsender seit 2010 mit wechselnden Künstlerinnen und Künstlern – sowie viel Aufwand – realisiert.
Der «böse Bube» ist «organisch gewachsen»
Begleitet vom 21st Century Orchestra, dessen Chor und der Band Helen Maier & The Folks, gewinnen selbst die härtesten Songs von Marco Bliggensdorfer – so Bligg bürgerlich – eine herrlich süffige Note. Wo Bligg einst in Luzerns Schüür auftrat, steht er nun im KKL, flankiert von Sinfonieorchester, Chor und gemischtem Publikum aus
allen Generationen. Der «böse Bube» von damals musiziert mitten in der Gesellschaft. Einige seiner Songs klingen inzwischen wie moderne Volkslieder. Bligg lacht: «Ich nenne das organisches Wachstum. Ich bin reifer geworden, Vater von zwei Kindern.»
Die grossen Nummern – unter anderem «Signal», «Fahr emal»,«UsMänsch»–kommen in der sogenannten «Tavolata-Version», einer musikalischen Tischgemeinschaft. Vorne an der Bühne steht ein reich gedeckter Tisch mit Essen und Getränken, darunter auch Hochprozentiges aus Bligg-eigener Quelle, wie Ludwig Wicki, musikalischer Leiter und Dirigent des 21st Century Orchestra, nach einer Gaumenprobe bestätigt. Das Ganze erinnert optisch an eine musische Spass-Version des letzten Abendmahls – ohne ausdrücklichen Bezug. Helen Maier und ihre Formation – zwei Violinen, Akkordeon, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug und Gesang – tragen die musikalische Hauptlast der Arrangements. Ihre locker-pure Spielweise prägt den Sound, ergänzt durch starke Instrumentalparts mit Anklängen an die grüne Insel im Norden oder ein fetziges «Bellaciao» aus dem Süden. Ein einstiges Partisanenlied, das 2025 fälschlich als Partynummer gefeiert wird, hier aber mit Witz und packender Solostimme daherkommt.
Mehr Schub am Mischpult gewünscht
Dirigent Ludwig Wicki ist begeistert von Bliggs Werk. «Die Songs sind tiefgründig, zum Teil sehr melancholisch. Ich liebe das», sagt er im Interview mit Tele 1. Er erklärt die intensive Vorarbeit: «Die Stücke sind für die kleinere Besetzung geschrieben, unsere Arrangements dürfen sie nicht überdecken.» Gemeinsam mit Arrangeur Jonas Künzli hat er daran gefeilt–Bligg nennt es «Übersetzungsarbeit». Überdeckt wurde tatsächlich nichts. Im Gegenteil: Hie und da hätte man sich sogar etwas mehr «grosses Orchester» und mehr Chor gewünscht. Dessen «Uuuuhs » und «Aaaahs» oder verdoppelte Textzeilen bleiben oft sehr dezent. Ein kräftigerer Regler-Schub am Mischpult wäre eine Idee.
Auch im Arrangement fantasiert der Musikfreund. Etwa bei «Milchstrass», einem der stimmungsvollen Höhepunkte. Man meint förmlich zu spüren, dass jetzt gleich ein mächtiger Bläsersatz folgt – doch er kommt nicht. Und trotzdem ist das Stück berührend schön. Der Wunsch nach etwas orchestraler Wucht erfüllt sich dagegen bei «Tradition» mit einem festlichen Intro, das die Klasse und Kraft des Konzepts ausspielt. Oder bei «Musig us de Schwiiz», das sich rhythmisch entwickelt: von der «harten», trockenen Nummer hin zu einer poppig festlichen Ode ans Schweizer Musikschaffen – garniert mit verspieltem Piccolo, einem Mini-Bläsersatz quasi.
Besucherin mit dreisilbigem Namen gesucht
Gleich zu Beginn erinnert das Programm an die Filmmusik-Wurzeln des 21st Century Orchestra: Die Musizierenden spielen die berühmte Hauptmelodie aus «DerPate» von Francis Ford Coppola. Nahtlos verwandelt sich dieses Motiv in die Melodielinie von «Rosalie» wie ein Leitmotiv – clever gemacht als Steigerung der Vorfreude auf den Bligg-Überhit. Der kommt dann in epischer Länge – mit Publikumsintegration. Schwierige Aufgabe am Mittwoch: eine Besucherin mit einem dreisilbigen Namen wie die Angebetete im Song zu finden. «Luzia» aus Reihe 17 wird auserwählt. Ein cooler Moment, einer von vielen, an denen Bligg als charmanter, nahbarer Gastgeber glänzt. Er bleibt der Entertainer, der Rapper, der Musiker mit Haltung. Immer sympathisch, nie abgehoben, stets stilvoll. Eben: «Manhattan oder nöd.»
© Andréas Härry


















































































